Reschke

schluessel

(Türe, heute Dachboden.)

Die alte Dame erzählt von Irmchen Köster mit den Zahnlücken, eine der Hauswartstöchter, welche sich mit der alten Dame Schwesterchen Rosemarie angefreundet hatte. Man selbst wohnte im zweiten Stock mit Damenzimmer und Herrenzimmer und auch sonstigen weitläufigen Räumlichkeiten. Die Kösters hingegen im Parterre. Und wie sie, die Kinder im Haus, oft den Moment abpassten, wenn die Pforte (Frau Köster) aufgrund regelmäßigem Toilettenganges für ein paar Minuten nicht besetzt war und die ganze Bande dann schnell mit Rollschuhen über den schönen Hausflurteppich hinauf für einen Kakao in den zweiten Stock schlüpften, was Frau Köster schlimm getadelt hätte, hätte sie nicht auf dem Klo das Ihrige verhockt.

Die Kirschkern isst ihr Muesli im selbstgenähten Schlafanzug und hört der alten Dame aufmerksam zu. Und schmunzeltiert. Auch von denen, die im Keller wohnten, ist die Rede, damals wohnten ja auch Leute im Keller. Die Kirschkern isst ihr Müsli und hört voller Schmunz, weiter, zu. Ein netter älterer Mann war auch Kellerbewohner, von Beruf Teppichklopfer und den ganzen Tag auf Arbeit, die alte Dame hat den Namen vergessen. Und dann die Schraders mit vier Kindern, alles Töchter (die Kirschkern horcht auf!). Frau Schrader verstand sich mit der Mutter der alten Dame recht gut, und immer, wenn es Fragen bezüglich des Nachwuchses gab, dann zog Frau Schrader gerne auch den Rat aus dem zweiten Stock hinzu. Das war nicht normal, weil es damals nicht üblich war, dass Leute aus dem zweiten Stock zu denen im Keller einen Kontakt pflegten. Die Kirschkern ist fertig mit dem Müsli und mümmelt nun die halbmondigen Apfelscheiben aus dem Garten (Brettacher), die ihre Oma nebenbei zum Apfelteller auf Zwiebelmuster verarbeitet hat.

Diese Verarbeitung ist stets auch eine wertvolle Gymnastik für die immer unbeweglicheren Hände und Finger der alten Dame. Und sie, die Kirschkernerin, hört auch beim Apfelhalbmondmümmeln weiter aufmerksam zu und honoriert damit liebevoll die großmütterliche Gymnastik.

Auch an jenem Nachmittag, als Frau Schrader aufgeregt anrief und die Uroma des Kirschkerns fahrig und voller Aufregung bat, sehr schnell doch herbei zu eilen. Die zweitjüngste Schradertochter nämlich, sie hatte gerade mit dem Laufen begonnen und war ein süßer Fratz, sie lag im Bett und krümmte sich mit Schaum vor dem Mund und verstarb Minuten später, in ebenjenen minutes. Es stellte sich später heraus, dass das Kind Gift gegessen hatte, welches zwar unbekannte, jedoch vermutete Nachbarn des Mietshauses zur Vernichtung von Ratten oder unliebsamen Haustieren oder Kindern herkunftslos und unsigniert im Terrain des Hinterhofes und Kellers ausgelegt hatten.

Die Kirschkern aß nach kurzem Innehalten weiter die Mondsicheln aus Apfel, betrachtete diese nun aber sehr ernst. /„Ach ja, Totenkopf!…“, „…so hieß das doch damals bei uns, bei euch ja jetzt Seepferdchen, hm?“ – so die alte Dame weiter, weil sie eine schnelle Überleitung gefunden hatte. Der Kirschkern lächelte, wieder. Ich moderiere (weil ich gerne moderiere, jedenfalls wenn der Kirschkern und die alte Dame sich gegenüber sitzen und beiderseits erzählen, auch, weil die alte Dame manche Informationen, die nötig wären zum Verständnis ihrer Erzählungen, ab und zu weglässt, ebenso übrigens wie die Kirschkern, und weil ich das mag, dass sich die alte Dame und der Kirschkern ÜBERHAUPT noch gegenübersitzen, dieses Jahrhundert, so ganz zusammengenommen, ganz gleich welches.)

Ich erläuterte also den Frei-, Jugend- und Fahrtenschwimmer mitsamt der zugehörigen Badehosenaufnäher. Danach der Rettungs-Schwimmer. „Ja, euer Rettungsschwimmer, der war unser „Totenkopf!“ ruft die alte Dame fröhlich mit leuchtenden Augen. Und die Kirschkern zwinkert mir jetzt zu. –Sie zwinkert mir oft zu bei diesen Gesprächen mit Oma, denn wir haben sie beide lieb. Die Kirschkern schon immer, ich mittlerweile schon länger, wieder. (alter Scheiß).

Während nun wiederum die alte Frau nach einem weiteren Apfelhalbmond greift (man sieht, wie schwerer ihr das jetzt manchmal fällt), erzähle ich dem Kirschkerne erklärend zugewandt, dass dieses Rattengifthaus aufgrund seiner unmittelbaren Nähe zur heutigen S-Bahnlinie 25 später einen englischen Volltreffer aus der Luft verpasst kam und somit alle Puppen sowie das gesamte ostpreussische Erbe (vgl. Oma Mika, Pillau) der alten Dame verbrannten.

-Jedoch sich diese Gegend im Bogen zum JETZT einen Steinwurf vom Stadtbad Lankwitz befände, wo (erinnerst du dich?) der Kinderladen komplett (und wir beide oft!) zum Schwimmen hinsind. „Auch noch mit Mama, alle, wir, sogar.“ -Die Kirschkern zuckt Achseln, wie sie das immer bei diesem Thema macht. Ich zuckte auch Achseln. (alter Scheiß). /„Und übrigens, zum Fachhandel-Süd führt der Weg dort auch direkt vorbei.“ –sagte ich, fügte hinzu, ganz unverlegen. (gestisch).

/da nun ist es dann mittlerweile nacht und dunkel am waldrand, die ersten Wölfe heulen vom Friedwald her. Die alte dame zieht sich zurück, ich sag’ noch ZÄHNEPUTZEN und gebe einen neuerdings ungeliebten gutenachtkuss, aber ich mach das trotzdem immer wieder. So aus dem bauch heraus. Man muss als eltern ja auch die möglichkeit der abgrenzung geben zu gleichzeitigen andeutungen von möglichkeiten der nähe. Wie sie`s dann später selber machen, ach das weiß man ja eh nicht. Denkt man zu sehr mit in fürs kind gefühlter vorleistung, dann ist’s ja auch wieder nichts. Übermacht der Pädagogik? Quatsch, Kind muss -selber.

Wozu ist man da?

/..habe gestern ein kleines stückchen…, ein fragment einer restlichen dünnen verputzung, kaum 3x2cm groß (ein fitzelchen…) entdeckt im ersten Stockwerk unter 10cm dicken jüngeren putzbeständen sowie weiteren darübergeklatschten kaschierungen, deren filetierende abnahme ordentlich zeit inanspruchnahm. Man muss da ja auch die richtigen Stellen finden. Ahnen. Zufall. Dieses stückchen jedenfalls könnte aus der zeit um 1200 stammen und war vormals möglicherweise Teil des Fassadenputzes eines (vermutlich) ältesten Bauteiles. Mittelalterlicher Wohnturm? Weil da der Anbau, von dem ich aus agierte, nämlich noch nicht erstellt war. Ich war begeistert über mich. he, Wozu ist man da!

Und heute nun begab ich mich nochmals in jene Wohnung mit den zwei alleinerziehenden Katzen, wir hatten den Termin gestern vereinbart. Die Mieterin nicht zu Hause. Auf ihrem Bett hatte sie einen schönen BH 1a-prominent liegenlassen, natürlich vollkommen unbeabsichtigt. Na klar.

Die Wölfe lungern JETZT bereits im Garten und beschnüffeln neugierig die neuen Mülltonnen, die so gearbeitet sind, dass es die Müllmänner nie mehr ins Kreuz kriegen. Designwölfe. Spät abends rief die alte Dame dann noch einmal die Treppe hinunter, ich fragte besorgt WAS IST?, sie sagt erleichtert, jetzt sei ihr der Name des Teppichklopfers doch noch wieder eingefallen:

Reschke. Er hiess Reschke!

10 Gedanken zu „Reschke“

  1. Ah ja. Sie meinen wohl Kurt Schneck, Werkstoffe und Techniken der MalereiBloggerei, Otto Maier Ravensburg, 1967. Gr.-8°. 854 S. Mit zahlr. Abb. u. Tafeln. Orig.-Leinwand mit Umschlag in Kassette. Umschlag etwas randrissig. Gutes Exemplar. Das hab ich auch hier stehen.

  2. Ja, es ist schon immer wieder spannend mit der Oma. Innerlich noch voll im Saft. /Sie hat schon vor längerer Zeit ihre Memoiren abgeschlossen und bedauert nun, dass sie immer noch weiterlebt, weil sie die Kladde jetzt doch eigentlich weiterschreiben müsse, der Vollständigkeit halber. In vielem sehr preußisch, auch der Humor.

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