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an orte denkt man nicht im sommer. an orte denkt man, wenn regen steine oder berge seziert, wenn schnee liebende oder gräber bedeckt, oder wenn stürme das draußen und drinnen beschreiben. orte sind, wenn man denn an sie denken mag, grundsätzlich unberechenbar. unberechenbar deshalb, weil sie nicht vergehen, wie die zeit. die zeit kennen wir, nicht jedoch den ort. die zeit, sie vergeht wenigstens, wie wir auch: das ist fair, man sitzt im selben boot, und man ist gemeinsam irgendwann verschwunden. aber orte bleiben, und sie sind damit ehrlicher als die zeit. unter der ehrlichkeit der zeit zu leiden, das haben wir mittlerweile gelernt. aber jede sekunde kann sich nur definieren über den ort, an dem sie stattfindet. und sollte die zeit der milchstraße verdampfen, die orte bleiben, an denen sich jene befand: der ort ist die eigentliche vierte dimension. daher versuchen wir ständig, uns an orten zu verewigen. beim graffiti wie in der professur oder anderen duftmarken wollen wir nicht die zeit beeindrucken, sondern das gedächtnis des ortes. die würdigung der zeit ist uns sicher, der ort hingegen ist ohne partei und er schweigt. das macht ihn so tragisch für uns: orte heilen keine wunden. bei all unseren anstrengungen um orte bemerken wir nicht, daß diese ohnehin alles sammeln. jeder platz, an dem wir uns befinden, behält uns, kommentarlos und ohne uns um erlaubnis zu bitten, in erinnerung, wie er auch alles vor und nach uns in erinnerung behalten hat. oder aus unserer sicht: an jedem ort befindet sich über unserem kopf oder unter unseren füßen eine gigantische säule von gelebtem und erlebtem. und in jedem augenblick unseres daseins werden wir vom ort mit dem, was hier vor oder nach uns stattfand, bekannt gemacht. ob wir das wollen oder nicht. wenn wir schwach sind, im sommer, dann können wir durchaus die frage nach dem wetter vor sechshundert jahren am ort dieser oder jener heutigen kreuzung in berlin zulassen. wenn wir stark sind allerdings, im winter, oder durch den herbst aufgeweicht, dann könnte aus dieser frage schnell werden: wie viele kinder wurden am ort unserer heutigen küche lebend oder tot geboren, und wie viele mütter überlebten. interessant und tragisch die frage, die daraus resultiert: der fernseher welches menschen wird einmal an der stelle meines sterbebettes stehen. den orten jedenfalls scheint dies alles gleich zu sein, obwohl sie sich um uns, ungefragt, bemühen. das ist es, was sie unberechenbar macht. daher sind orte das religiöseste, was es nach gott gibt; er hat orte als seine stellvertreter erschaffen.

3 Gedanken zu „orte“

  1. Wie versprochen gelesen bis zum heutigen Tag. Nicht zum letzten Mal, denke ich, denn mancher Text sperrt sich.
    Gelandet doch wieder bei diesem, der meine Sichtweise auf den Kopf stellt, oder auf die Füße. Denn vielleicht ist das der Grund für mein gestörtes Verhältnis zur Zeit. Ich weiß nie wann und kann kein Alter schätzen. Ich will’s auch nicht. Es ist nicht wichtig. Meist.

    Die Qualität… Das sagte ich schon :-)

  2. Gute Gedanken, Sebastian, formulieren sehr gut vage Gefühle die ich oft habe zu Orten. Ich habe gerade gedacht, dass die Menschen ja ursprünglich Nomaden waren…

    1. Danke. Sind wir ja alle immer noch, stets, Nomaden, auf der Welt. Gehen irgendwann wieder, auf die eine oder andere Art, so wie der Mensch vor ein paar Tagen einen Steinwurf entfernt von Dir, weshalb wir auf das Thema kamen.

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